13.10.09

Ford Crown Victoria: Letzter Überlebender einer vergangenen Ära oder überflüssiges Relikt?

Die Frage ist ebenso häufig wie legitim: Wie kommt man eigentlich darauf, ausgerechnet mit einer gekauften, acht Jahre alten, 200.000 Kilometer gelaufenen, spritfressenden Polizei-Karre die USA 12.000 Kilometer weit hin und zurück zu durchqueren? Hätte es nicht auch was Kleineres getan? Warum kaufen und nicht mieten? Hertz habe doch so schöne und niegelnagelneue "Fun Cars" und "Prestige Cars". Rundum-Sorglos-Paket inklusive.


Und genau darin liegt die Antwort: Rundum sorglos ist langweilig. Wenn uns einer die Frage stellt ob wir lieber in einem nagelneuen Cadillac oder im ehemaligen Vehikel eines kalifornischen Mordkommissars unsere Runden drehen wollen, dann entscheiden wir uns für Letzteres. Und wenn wir die Wahl zwischen einem echten blubbernden V8 mit Heckantrieb und einem dieser neu-amerikanischen, eingedeutschten Japaner-Kopien mit vier Zylindern und Frontantrieb haben, dann ist für uns glasklar: Es muss das Original sein. Aber da wir keine Schrauber sind und Verantwortung für ein dreijähriges Kind (und unser Bankkonto)  haben, fällt der 1969er Cadillac flach.

Und hier kommt der Ford Crown Victoria ins Spiel. Er ist der letzte der ausgestorbenen Gattung: der einzige "Straßenkreuzer" der noch gebaut wird und deshalb als gepflegter Gebrauchter gut zu bekommen ist. Alle anderen Hersteller haben die Limousinen in den 90ern auf Frontantrieb und weniger Zylinder umgestellt (und sich sowieso nur auf SUVs konzentriert). Nur die Polizei und das Taxigewerbe haben den Crown Victoria, der seit Anfang der 90er weitgehend unverändert gebaut wird, überleben lassen.

Und das ist Punkt Nummer zwei. In einer Laudatio auf den Gewinner zur Wahl "bester Gebrauchtwagen im Segment großer Limousinen" schreibt die Fachseite www.edmunds.com: 
"Haben Sie sich jemals gefragt warum Polizei-Direktionen und Taxi-Firmen auf diese 'veralteten' V8 Hecktriebler-Limousinen schwören? Weil sie im Prinzip unzerstörbar sind. Wirklich: Könnte ein Auto einen härteren Job haben als Taxi in  New York oder Polizeiauto in Los Angeles? Aber das ist nicht alles: Diese traditionellen amerikanischen Full-Size-Wagen sind bequem, bieten viel Stauraum und sind angesichts des niedrigen Wartungs-Aufwands und des respektablen Spritverbrauchs (Überland bis zu 9.5 Liter auf 100 km) billig im Unterhalt. Obendrein schneiden sie regelmäßig überdurchschnitlich in Crash-Tests ab."

(Quelle: Edmunds)

Bei Consumer Reports  (einer amerikanischen Mischung aus ADAC und Stiftung Warentest) taucht der Crown Victoria seit Jahren als "überdurchschnittlich zuverlässig" in der Zuverlässigkeitsstatistik auf und lässt damit fast jeden VW, Mercedes, Audi und BMW locker hinter sich. Kein Wunder dass auch die extrem vernunftgetriebene (sprich: langweilige) Consumer Reports Redaktion den Crown Victoria in sämtlichen Preissegmenten als einen der besten Gebrauchtwagen auflistet.

Und der Preis ist dann auch das stichhaltigste Argument: Nirgends gibt es mehr Blech, mehr Hubraum und mehr Zylinder für so wenig Geld. Schon neu kostet der Crown Vic bzw. sein Bruder Mercury Grand Marquis weit unter 20000 Euro. Weil er halt doch für eine vergangene Ära steht, zuviel Sprit für den täglichen Weg zur Arbeit verbraucht,  altmodisch aussieht und die modernen Features wie ESP nicht hat ist der Wertvelust - zum Glück für uns - horrend. Unserer ist acht Jahre alt und hat 200.000 Kilometer runter. Kostenpunkt: Umgerechnet 2500 Euro. Dafür gibt's ein nicht zu altes, regelmäßig gewartetes, gepflegtes, zuverlässiges, riesiges Auto das als letztes seiner Art den Geist der früheren amerikanischen Straßenkreuzer verkörpert und obendrein noch das Elternherz dank hervorragender Crash-Test-Resultate beruhigt.

Polizisten und Taxler mögen den Crown Vic weil er wie ein Laster auf einen Rahmen genietet ist, eine starre Hinterachse hat und deshalb auch kleine oder größere Rempler gut wegsteckt und billig repariert werden kann (was sich auch sehr positiv in der Versicherungsprämie niederschlägt).

Wie der Amerikaner zu sagen pflegt: "What's not to like?"

Auf dem Privat-Markt spielt der Crown Victoria keine Rolle mehr und wurde zuletzt sogar eingestellt. Einzige Quelle sind also Regierung, Polizei und Taxi. Und da ist Vorsicht geboten, sagt Burt, ein Händler der sich auf Crown Vics spezialisiert hat und diese auch an Hollywood-Produktionen wie CSI und Heroes verleiht:
"Man muss unterscheiden zwischen Streifenfahrzeugen und Autos die einem Kommissar zugewiesen wurden. Die Streifenwagen werden geprügelt und von ständig wechselnden Besatzungen gefahren. Sie eignen sich am besten als Taxis denn da kommt es eher auf den Preis und nicht auf den Pflegeszustand an. Für eine Privatperson ist das Detective Car die bessere Wahl. Die kosten  zwar mehr, sind aber netter ausgestattet und werden in der Regel einem Kommissar zugewiesen der dann dafür verantwortlich ist. Vorgeschriebene Wartung alle vier Wochen inklusive."
"Die Modelljahre 1998 bis 2002 sind besonders zuverlässig und kaum kaputt zu kriegen. 2003 wurde der Crown Victoria nochmal modernisiert und mit einer überarbeiteten Lenkung versehen. Meine Stuntmänner mögen das nicht so sehr. Da geht mehr kaputt wenn man mal den Randstein trifft."
 Und unser Mechnaiker John in Pasadena der den Wagen  vor der Reise inspiziert hat sagt:
"Das Auto wird Euch keine Probleme bereiten. Wenn Euer BMW irgendwo im tiefsten Mittleren Westen was hat findet Ihr im Zweifel niemanden der sich mit der komplizierten Elektronik auskennt. Diesen Ford kann jeder Tankwart reparieren. Und wenn was kaputt geht sind die Teile spottbillig und sofort besorgt."
Das können wir bestätigen. Ein auf dem Weg fälliger Thermostat war für 15 Euro innerhalb von 10 Minuten besorgt und in 30 Minuten eingebaut und getestet. Kostenpunkt inlusive Material und Lohn: Umgerechnet 50 Euro.


Und trotzdem stimmt natürlich was all die Kritiker sagen die den Crown Victoria schon seit zehn Jahren aufs Abstellgleis schreiben. Als wir uns nach drei Wochen im Polizeiauto wieder in unseren nur wenig neueren Kombi aus Deutscher Produktion setzen ist der Unterschied wie Tag und Nacht. Feines Leder statt grauer Stoffsitze, Holzvertäfelung statt Plastik-Wüste, ein ausgereiftes und kein grobschlächtiges Fahrwerk mehr, eine alles schluckende Schallisolierung und eine präzise Lenkung.  Aber: Ein Thermostat kostet laut Internet fast 70 Euro, und der Austausch dauert angeblich über zwei Stunden.Sprich: Was beim Crown Victoria 50 Euro gekostet hat, hätte uns beim deustchen Kombi über 200 Euro ärmer gemacht.

So hat halt jeder Wagen seine Stärken. Unser Crown Victoria hat seine auf 12000 Kilometern bewiesen. Jetzt suchen wir einen Käufer - allerdings eher halbherzig, denn ans Herz gewachsen ist er uns schon.

Link:

12.10.09

Mama fährt im Ford fort: In vier Tagen von New York zurück nach LA

Es ist vollbracht: Nach 11639 km ist unsere Reise endgültig zu Ende. Anna hat schon wieder den ersten aufregenden Tag im Kindergarten hinter sich als eine erschöpfte und vor Eindrücken sprudelnde Tanya sich im Wohnzimmer aus Sofa legt. Ein um etlichen Schmutz reicherer und zwei Radkappen ärmerer Ford steht genau da wo unsere Reise vor nunmehr 25 Tagen begann: Vor unserer Haustür in Pasadena, California. Annas Trinkbecher und Köpfhörer liegen noch auf dem Rücksitz, so wie wir sie vor vier Tagen hinterlassen hatten.

Seitdem saß Tanya knapp 45 Stunden alleine am Steuer und hat dabei auf über 4600 Kilometern 13 US-Bundesstaaten (New Jersey, Pennsylvania, Ohio, Indiana, Illionois, Missouri, Kansas, Arkansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien) durchquert. Immerhin: Sie hat die Zeit gefunden in jedem dieser Staaten mindestens einen Geocache (mit dem Navi aufzuspürender "Schatz") zu finden. Die Eindrücke sprudeln nur so:

"Es ist unglaublich wie groß dieses Land ist."
Das südliche Pennsylvania ist wunderschön, den Bogen von St. Louis hat sie in Missouri fotografiert, und in Kansas führte eine Straße doch tatsächlich durch ein Flußbett (und sie hat es mit unserem Crown Victoria durchquert). Außerdem liegt hier an der Route 66 die Inspiration für den Film "Cars" - samt dem Abschlepp-Truck aus dem Film. Da müssen Papa und Anna auch mal hin!



Oklahoma sei runtergekommen, hässlich, deprimierend, am Sonntag habe alles geschlossen und im Radio läuft 90% Kirchenfunk.

Thomas: "Würde es sich also lohnen das Gleiche was wir dieses Mal im Norden gemacht haben mal auf der Südroute durchzuführen?"

Tanya: "Ja, aber so schnell wie möglich durch Oklahoma fahren."

So unrealistisch ist das nicht. Freunde von uns ziehen demnächst aus dem Schwabenland nach Jacksonville, Florida. Die freuen sich bestimmt über einen Besuch.

Das letzte Logbuch:
  • Kilometer gesamt: 11639 km (damit wären wir - wenn es Straßen gäbe - locker bis nach Deutschland gekommen)
  • Kilometer nach NY (3 Wochen): 7015 km
  • Kilometer zurück nach LA (4 Tage): 4624 km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit gesamt (3 Wochen hin, 4 Tage zurück): 90.6 km/h
  • Durschnittsverbrauch gesamt: 10.76 l/100 km
  • Spritverbrauch gesamt: 1255 Liter
  • Spritkosten: 600 EUR
Tanyas Route in den letzten 4 Tagen:

Größere Karte

Komplette Route:


Wir haben bei Google Maps auch mal die komplette Streckenführung (ungefähr zumindest) eingegeben. Das muss man sich aber in voller Größe direkt bei Google Maps reinziehen weil die Breite dieser Spalte nicht ausreicht.
 

10.10.09

Tag 23: Bye-bye, New York! Drei Wochen hin, sechs Stunden zurück

Drei Wochen lang haben wir das erdige, bodenständige Amerika erlebt. 7000 Kilometer Kontinentaldurchquerung in einem spritschluckenden, blubbernden Schiff von Auto aus einer vergangenen Ära, hergestellt von einem fast bankrotten Konzern. Gestartet in der Traumfabrik namens Hollywood, drei Wochen später gelandet in der finanziellen Alptraumfabrik namens Wall Street. Wir haben Büffel auf der Straße gesehen, unendlich viel Pizza und Pancakes gegessen und ein Amerika entdeckt das außerhalb der ausgelatschten Touristenpfade existiert. Bodenständig, erdig, einfach, sympathisch.
Jetzt sind wir wieder zurück in der Schicki-Micki Welt. Papa schreibt diese Zeilen auf seinem schicken Macintosh Notebook und kann sie dank Drahtlos-Internet im Flugzeug (das weniger kostet als das Internet im Hotel) aus zehn Kilometern Höhe samt Fotos abschicken. Anna sitzt daneben und steht ihrem Vater in Sachen Schicki-Micki in nichts nach: Sie schaut eine Folge "Handy Manny" auf dem iPhone. Fotos davon darf man keine machen.
Papa: "Anna, darf ich ich Foto von Dir machen?"
Anna: "Nein, Du hast schon so viele Fotos gemacht!"
Na gut.

Unser Schicki-Micki-Tag begann heute früh standesgemäß im Hilton-Hotel mit Frühstück auf dem Zimmer. Obstsalat, ein Bagel und ein Croissant. Einziger Schönheitsfehler: Weil das Hilton in New York 300$ pro Nacht verlangt haben wir das Hilton in Newark (25 km außerhalb) für 59$ gebucht und müssen mit dem Bus mühsam über eine Stunde in die Stadt gondeln. Wir steigen an der Grand Central Station aus und laufen ein paar Blocks. Anna verfolgt fasziniert eine mehrere hundert Meter lange Demo von Exil-Tibetern die Fotos vom Dalai Lama über die Park Avenue tragen. Sowas gibt's in Iowa nicht. Dann nehmen wir ein Taxi über die Brooklyn Bridge nach - wohin wohl - Brooklyn.

Dort wohnt Maceo, ein ehemaliger Kollege von Thomas, und der beste New York Führer den wir jemals hatten. Kaum ist Thomas nach drei Tagen New York zum Schluss gelangt dass er in diesem überfüllten, unfreundlichen Moloch niemals leben könnte zeigt uns Maceo die schönen Parks, Uferpromenaden  und Spielplätze von Brooklyn Heights. Wir blicken auf die Skyline von Manhattan, Maceo zeigt uns wo früher das World Trade Center stand. Wir sehen den Fähren auf dem Hudson River zu (ja, das ist da wo vor einigen Monaten Kapitän Sullenberger seine heldenhafte Landung hingelegt hat). Leben könnte man hier trotzdem nicht. Eine Dreizimmerwohnung kostet hier schonmal eine Million.

Aber kaum hat sich Anna mit Maceos Tochter Elena angefreundet gibt's noch mehr Schicki-Micki: Unsere Limousine zum Flughafen wartet. Stilecht in schwarz mit schwarzem Leder. Typ Lincoln Towncar. Und - gut zu wissen für New York Touristen - billiger als ein Taxi und vorbestellbar mit Kindersitz. Damit fahren wir zum Flughafen. Mit American Airlines geht es nach Hause. Wofür wir auf dem Hinweg fast 86 Stunden Fahrzeit in drei Wochen gebraucht haben, schaffen wir heute in sechs Stunden. Nach ungefähr drei überqueren wir Oklahoma. Da unten fährt gerade irgendwo Tanya mit unserem Auto. Sie ist schon zwei volle Tage unterwegs und wird nochmal eineinhalb Tage fahren. So sind die Dimensionen hier. Vorhin hat sie noch eine SMS mit Grüßen aus Bentonville, Arkansas, geschickt - der Heimat der weltgrößten Supermarktkette WalMart. Wir winken in Gedanken nach unten und freuen uns auf ein Wiedersehen am Montag.

Die nächsten zwei Tage melden wir uns nochmal mit Nachrichten wie es Tanya ergangen ist. Dann wird dieses Tagebuch (das laut Statistik in den vergangenen drei Wochen über tausendmal von Besuchern aus 14 Ländern für durchschnittlich drei Minuten aufgerufen wurde!) zugeklappt.

Danke an alle die unser Abenteuer so gebannt verfolgt und uns immer wieder E-Mails geschickt haben. Wenn wir wieder zuhause sind werden wir auch die Zeit finden sie alle zu beantworten.

Links:
Tanyas Strecke der letzten zwei Tage:


Größere Karte (man kann übrigens auch verschieben und zoomen)

Unsere (ungefähre) Route der gesamten drei Wochen:



View Larger Map

9.10.09

Tag 21 & 22: Von der Pampa in die Metropole - Wir sind in New York

Pennsylvania ist wunderschön. Und wenn wir das sagen dann ist das ungefähr so qualifiziert wie wenn jemand Deutschland auf der A7 durchquert, einmal direkt an der Autobahn irgendwo in Hessen übernachtet und dann wieder geht.  Unsere A7 ist die I-80 und unser Hessen heißt Clarion. All die historisch bedeutsamen Sehenswürdigkeiten, Gettysburg, Pittsburgh oder Amish Country lassen wir links und rechts liegen, denn nach unserem verlängerten Aufenthalt in Michigan drängt die Zeit. Wir wollen nach New York, und wir haben einen Termin: 19 Uhr Dinner In Manhattan bei Thomas ehemaligem Chef Jim samt Familie. Der Ford schnurrt nur so auf dem Freeway und bei ziemlich konstant 120 km/h drücken wir unseren Durchschnittsverbrauch zum ersten (und vermutlich zum letzen) Mal haarscharf unter die 10 Liter Marke (nicht zuletzt vermutlich auch dank des neuen Thermostats aus Iowa). Nicht schlecht für 8 Zylinder und 4.6 Liter Hubraum.
Auf dem Weg nach New York merkt man lange Zeit gar nichts von der bevorstehenden Metropole. Idyllisch schlängelt sich der Freeway durch grün-herbstliche Wälder und Hügelketten, und es sieht (wieder mal) eigentlich genauso aus wie in Deutschland. Dann, knapp 80 Kilometer vor New York, beginnt der Moloch. Es beginnt mit ein paar Einkaufzentren und dichterem Verkehr. Und dann geht gar nichts mehr. Anna sitzt selig im Kindersitz und verschläft den kompletten Staat New Jersey wo der Verkehr dem in Rom oder Paris um nichts nach steht. Kurz vor dem Lincoln-Tunnel der nach Manhatten führt und wo (wieder mal) gar nichts geht wacht Anna auf und sagt nur begeistert "Soviele Autos und Trucks und Busse". Als sie eingeschlafen war fuhren wir noch durch die grüne Idylle.
Man kann nur sagen: Wer nach New York mit dem Auto fährt ist selbst Schuld. Aber irgendwie ist unser Auto auch hier wieder wie zuhause. Vermutlich gibt es nirgendwo auf der Erde eine so große Dichte an Ford Crown Victorias. Manchmal sehen wir auf einer Kreuzung fünf Stück hinterinander. Alles Taxis. Die Taxifahrer lieben dieses Modell: Billig, groß, und selbst im härtesten Schlaglochverkehr (von dem New York genug zu bieten hat) unzerstörbar. Und er ist schnell und billig zu reparieren.    

Bei Jim und Familie bekommen wir dann mit wie das so ist mitten in Manhattan in der Upper East Side zu wohnen. So wie man das aus dem Fernsehen kennt. Das Auto gibt man am besten im Parkhaus ab. Schlüssel stecken lassen. Das Fahren die Jungs vom Valet an den richtigen Platz. Unten im Apartment-Hochhaus ist der Concierge zu Diensten und kündigt den Besuch an. Jim und Familie verköstigen uns mit leckerer Pasta und Wein, während die zehnjährige Claudia ihre Malsachen und Puppen hervorkramt und Anna damit (wiede rmal) eine wundervolle neue Freundin gefunden hat.

Wer jetzt denkt dass man wenn man um Mitternacht aus New York rausfahren will die Straße für sich hat der hat die Zeile "the city that doesn't sleep" in the "New York, New York" Hymne unterschätzt. Es schlängelt und hupt sich munter weiter, und selbst als wir schon fast 20 km aus der Stadt draußen sind und wie einst Tony Sporano im Vorspann der berühmten TV-Serie die New Jersey Turnpike entlangbrausen, gibt's kein Entkommen. An der Autobahnausfahrt wo man seiner Maut entledigt wir stehen wir fast eine halbe Stunde in der Schlange. Um 0:30 Uhr nachts! Wie gesagt: New York am besten ohne Auto.

Wir überschreiten so also zu später Nachtstunde die 7000 km Marke und beenden den gemeinsamen Teil unseres Trips fast schon unscheinbar. Am nächsten Morgen klingelt um 7 der Wecker. Während Thomas und Anna noch sanft schlummern setzt sich Tanya ins Auto und macht sich auf den 4500 km langen Rückweg. Das wollte sie schon immer mal machen, und das erspart uns den nervigen Versuch unseren Wagen innerhalb von zwei Tagen verkaufen zu müssen.

Anna und Thomas schlafen also bis 10:30 Uhr durch und machen sich dann mit dem Bus wieder auf nach Manhattan (der Schwabe war halt zu geizig 200$ pro Nacht für ein Hotel in der Stadt aus zu geben). Der Bus hält direkt am Time Square und kaum sind wir 50 Meter gelaufen hat Anna schon keine Lust mehr. Aber für solche Fälle gibt's ja Terry. Der ist Grieche aus Thessaloniki, studiert irgendwas mit Netwerktechnik und fährt eine Rikscha. Wir hüpfen rein, und schon ist Anna schwer begeistert.

Zwei Stunden kutschiert uns Terry durch Manhattan, lässt uns im Central Park am See schön Mittagessen, macht am Spielplatz halt und beschert Anna einen Riesen-Spaß (siehe auch die Videos im Fotoalbum). Nach zwei Stunden setzt er uns am Kindermuseum ab, das aber nicht wirklich beeindruckt. Nach einer halben Stunde sind wir wieder draußen, und Anna hat auf der ursprünglich geplante Naturkunde-Museum (bekannt aus "Nacht im Museum" mit Ben Stiller) keine Lust mehr. Also Taxi zum Empire State Building. Natürlich ein Crown Victoria. Anna schläft auf der zehnminütigen fahrt auf dem Rücksitz ein. Und wacht erst wieder auf als Papa sie schlafend durch alle Ticket- und Sicherheitsschlangen im einstmals größten Hochhaus der Welt getragen hat. Den Blick findet sie toll. Aber auch nur zehn Minuten lang. Dann wieder runter.

"Ich habe Hunger und Durst", äußert die Madame dann. Papa will unbedingt eine berühmte New Yorker Pizza essen. Er zückt das iPhone und sieht dank der "Citysearch" Applikation dass man zu einer der zehn besten Pizza-Hütten nur einen halben Kilometer laufen muss. Anna auf die Schulter, die 5th Avenue entlang, die 31st Street runter. Papa ist glücklich, Anna sagt "der Käse ist eklig" und isst nur den Rand. Dann wieder zu Fuß Richtung Time Square wo der Bus zurück wartet. Auf dem Weg kaufen wir im Drogeriemarkt eine Flasche Milch für Anna und finden für Papa endlich ein Modellauto des Crown Victoria. In Polizeiausführung. Hat er schon lange gesucht und hatten sie noch nicht mal im Ford-Museum.

Derweil meldet sich Mama aus Dayton, Ohio. Während Papa und Anna sich vergnügt haben ist sie heute schon über 1000 km gefahren und liegt super im Zeitplan. Übernachtet wird irgendwo hinter Indianapolis in Marshall, Illionois. Papa bucht ihr über's Internet ein Motel. Morgen dann vermutlich in Texas oder New Mexiko, übermorgen dann in Arizona, und am Montag ist sie dann - wenn alles glatt läuft - zuhause in Pasadena. Anna und ihr Papa haben es da einfacher. Sie lassen sich morgen vom Zimmerservice das Frühstück ans Bett bringen, nehmen dann den Bus nach Downtown, schauen sich ein bisschen die Wall Street an und besuchen am nachmittag in Brooklyn Thomas ehemaligen Kollegen Maceo  der eine zweijährige Tochter hat. Von da geht's zum Flughafen und nach Hause.

Logbuch (nur bis New York, Tanyas Fahrt zurück nicht einberechnet):
  • Kilometer gesamt: 7015 km
  • Kilometer gestern: 580 km
  • Fahrzeit gesamt: 85:45 Stunden
  • Fahrzeit gestern: 7:13 Stunden
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 81,8 km/h
  • Durchschnittsverbrauch: 11 l/100 km
  • Spritverbrauch gesamt: 770 Liter
  • Spritkosten: 370 EUR
  • Durchschnitts-Spritpreis: 48 Euro-Cent pro Liter (ca. 5 Cent pro km) 
  • Reparaturkosten (Thermostat Diagnose und Austausch): 60 Euro
  • Sonstige Verluste: zwei Radkappen (müssen wir beim Schrotti neue holen) und eine Windschutzscheibe (Versicherungsfall)
Unsere Route nach New York:


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Tanyas Route zurück:


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7.10.09

Tag 20: Spätzle mit Rock'n'Roll

(Achtung, nachdem die Internetverbindung in den letzten Tagen nur sporadisch war haben wir zum gestrigen Tagebuch jetzt Fotos hinzugefügt die gestern noch nicht da waren. Die Fotos und Videos der letzten 3 Tage starten hier.)

Wenn man sich die Liste der Staaten die wir heute und in den vergangenen zwei Tagen besucht haben ansieht könnte man meinen wir seien masochistisch veranlagt. Michigan, Ohio, Pennsylvania. Es gibt wenige US-Staaten die lauter “Wirtschaftskrise” und “Hoffnungslosigkeit” schreien als diese drei. Auto- und Stahlindustrie liegen am Boden, Arbeitslosigkeit und Abwanderung sind die Folge. Das hat schon so ein bisschen was von Brandenburg oder Sachsen-Anhalt hier. Ehemals stolze Industriegebiete verrotten, sogar schicke, große, relativ neue Häuser werden für unter 100,000 Euro regelrecht verramscht. Lansing, die Hauptstadt von Michigan und Arbeitzsplatz unseres Freundes Tim, ist stolze Heimat der Automarke Oldsmobile, samt Oldsmobile-Park und Stadion. Das Problem: Oldsmobile gibt es schon seit dem Jahr 2004 nicht mehr.

Und warum zum Teufel tut Ihr Euch das dann an, fragen uns sogar Nicolle und Tim die hier wohnen. Die Antwort: Weil es bei dieser Reise nicht darum geht möglichst viele Touristen-Attraktionen wo man sowieso nur Deutsche Lehrer-Ehepaare antrifft, abzuzklappern. Es geht darum Freunde zu besuchen, die ausgetrampelten Pfade zu verlassen und Dinge zu entdecken die man normalerweise links liegen lässt.

Also entscheiden wir uns gegen die Touri-Route die durch Kanada über die Niagara-Fälle nach New York führt. Das macht ja jeder. Wir mögen es erdiger. Nachdem wir uns von Nicolle und Tim verabschieden, biegen wir in Detroit nach Südosten Richtung Cleveland ab und frühstücken in einem Truck Stop (Tanya schwärmt: “Ich liebe Truck Stops”, und wir können sie wirklich jedem USA-Reisenden wärmstens empfehlen).

In Cleveland besuchen wir die Rock’n’Roll Hall of Fame und das dazugehörige Museum. Auch das übrigens - wie so vieles auf diesem Trip - ein kleines Rentnerparadies. Die hippe Jugend will mit dem altmodischen Kram nichts zu tun haben. Anna kräht “Zu laut hier!” während die Omas im Takt zu Elvis-Rhythmen wippen und die inzwischen zu Hausfrauen mutierten ehemaligen Teenie-Rebellen ein Video mit Kurt Cobain oder die Harley von Bon Jovi anschmachten.

In Cleveland führt uns (wieder mal) das Internet in Form von zufällig erstandenen Restaurant-Gutscheinen an die spannendsten Plätze. Nach einer wilden Fahrt durch verkommene Gegenden landen wir im Antiquitäten-Viertel wo uns ein Pub erwartet der uns mit seinen Menschen, seinen Düften und seiner Ausstattung an eine Altberliner Eck-Kneipe erinnert. Und es kommt noch besser: Thomas bestellt die Tagesspezialität “Chicken Paprikash” und bekommt ein halbes Hähnchen mit Paprikasauce und SPÄTZLE (!!!) serviert. Mitten in Cleveland! Die Spätzle schmecken besser als die in so mancher Berliner Eck-Kneipe, und für 20$ (14 EUR) essen und trinken wir drei fürstlich. Wir müssen sogar noch die Hälfte samt Nachtisch einpacken lassen. Es stellt sich heraus dass das Antik-Viertel früher hauptsächlich von ungarischen und italienischen Fabrikarbeiter bevölkert wurde, und dass unsere Kneipe da schon seit 1939 steht. Das erklärt einiges.

Außerdem treffen wir eine aufregende Entscheidung: Wir werden unser Auto nicht in New York verkaufen. Stattdessen wird Tanya sich ihren Traum vom Fernfahrer-Dasein erfüllen und die 5000 km von Freitag bis Sonntag zurückfahren, während Anna mit ihrem Papa noch zwei Tage New York erkunden und dann das Flugzeug zurücknehmen wird.

Logbuch:

Kilometer gesamt: 6435 km
Kilometer seit Chicago in den letzten 4 Tagen: 1324 km
Fahrzeit gesamt: 78:32 Stunden
Fahrzeit seit Chicago in den letzten 4 Tagen: 16:12 Stunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 81,9 km/h

Unsere Route der letzten drei Tage:


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6.10.09

Tag 18 & 19: Unser Wagen kehrt heim

In Michigan gehen die Uhren noch ein wenig anders als in Kalifornien.Unsere Gastgeber Nicolle und Tim können doch tatsächlich ohne Internet-Anschluss leben (deshalb nur dieser kurze Eintrag vom Handy aus; Nachgereicht: Fotos und Videos von heute gibt es jetzt hier), an so mancher Tankstelle bekommt man noch Full Service vom Tankwart und es gibt noch eine Videothek im Ort.

Gestern haben wir einfach Nicolle und Tim bei der Arbeit besucht. Nicolle ist Physik-Professorin am schnuckligen Albion College und hat Tanya gleich mal einen Auftritt vor ihren Studenten verschafft. 45 Minuten Vortrag über das Weltraumteleskop Spitzer bei dem Tanya arbeitet. Thomas und Anna haben derweil den örtlichen Spielplatz erkundet. Anna wird bestimmt mal Wissenschaftlerin. An der Uni stellt sie permanent Fragen über die ausgetellten Dinosaurier und beweist sogar Interesse an Tieren deren Tod weniger lange her ist. Als wir an einem Klassenzimmer vorbeilaufen wo Studenten gerade Tierkadaver untersuchen kann sie ihren Blick gar nicht abwenden und fragt permanent was die Studenten da machen und warum. Dann bekommt sie einen Schluck von Mamas Cappuchino mit Butterfinger (Erdnussbutter-Riegel) Geschmack.

Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren dass sie doch noch in Thomas Richtung (Medien) geht. Tim ist Redakteur bei den Nachrichten des örtlichen TV-Senders und lässt Anna mal im Sprecher-Stuhl Platz nehmen wo sie eine gute Figur macht.

Anna hat sich gut mit Nicolle und Tim angefreundet. Tim bringt ihr ganz amerikanisch Catchen und Baseball bei und bei Nicolle ist es im Fernsehsessel sehr bequem. Ganz amerikanisch auch das superleckere Grillen von Hamburgern auf der Terasse des wunderschönen Hauses der beiden.

Heute war unser Ford in seiner Heimat. Dearborn, Michigan, ist für Ford was Wolfsburg für VW ist. Wir gehen ins Ford-Museum und ins Ford-Dorf. Nachdem wir in den letzten Jahren schon ähnliche Museen von VW, Mercedes und Porsche gesehen haben müssen wir sagen: Hut ab! Das Ford-Museum geht weit über die Geschichte der Marke hinaus und hat Modelle aller Marken und darüber hinaus Flugzeuge, Züge, Spielzeug, Landmaschinen und vieles mehr. Ein Muss! Aber Anna gefällt das Karussell besser als die ganzen Autos.

5.10.09

Tag 17: Chicago - Zwei Tage parken oder elfmal essen?

Willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer Serie “Woran erkennt man dass …”
Frage heute: Woran erkennt man dass man sich langsam der Ostküste der USA nähert?
Antwort: Nach tagelangem Gondeln durch endlos große Staaten fährt man heute in einer Stunde durch drei Stück.
Von Chicago (Illinois) über Indiana nach Michigan. Dass es echt, wirklich, tatsächlich und total wie in Deutschland aussieht müssen wir schon gar nicht mehr erwähnen. Der Lake Michigan, an dem Chicago wunderschön liegt, ist ungefähr so wie der Bodensee nur viel größer. Die fünf “Great Lakes” in der Region hier speichern doch tatsächlich 20 Prozent der weltweiten Süßwasservorräte. Darunter machen es die Amis nicht.



Typisch Deutsch (und typisch für unsere Vorliebe für Rentner-Aktivitäten) buchen wir eine Dampferfahrt auf dem Chicago River und dem Lake Michigan. Wie typisch Teutonisch das ist merken wir dann als wir zum ersten Mal seit einer Woche wieder Touristen-Deutsch hören. In Minnesota, Wisconsin und Iowa haben zwar die Einheimischen irgendwie alle Wurzeln in Mitteleuropa, aber es findet sich kein Touri. Hier auf dem Dampfer in Chicago sitzen hinter uns gleich mal zwei Österreicher.

Die Boots-Tour auf dem Chicago River ist jedenfalls enorm empfehlenswert. 90 Minuten lang fahren wir zuerst auf den See hinaus und erhaschen atemberaubende Blicke auf die Skyline. Der weltberühmte und über 300 Meter hohe Sears Tower (lange Zeit das höchste Gebäude der Welt und kürzlich in Willis Tower umbenannt, was die Einheimischen aber hartnäckig ignorieren) ist nur eines von vielen spektakulären Gebäuden. Die Flußfahrt ist ungefähr so wie wenn man durch’s Berliner Regierungsviertel auf der Spree gondelt nur dass die Häuser alle zwanzig mal so hoch sind. Wenn zwanzig mal überhaupt reicht.

Anna war übrigens – wie schon vor einigen Tagen mal angemerkt – wirklich zu oft in Las Vegas. Staat “Sears Tower” schreit sie lauthals begeistert “Caesar’s Tower” weil sie ihn mit dem heißgeliebten Casesar’s Palace Hotel in Vegas verwechselt.

Zurück ins Hotel, auschecken. Die Pagen fahren den Wagen vor und laden unser Gepäck ein. Wir drücken dafür 100 Dollar ab. So gediegen geht das hier zu. Fast schon zu gediegen für unseren Geschmack, denn sobald wir wieder Kontrolle über unser Auto haben steuern wir auf schnellstem Wege die südöstlichen Bezirke von Chicago an. Hier – das wissen wir von Food-TV-Guru Anthony Bourdain – gibt’s das beste Essen. Hot Dogs und geräucherten Fisch. Polnische Wurst in gedünstetem Mohnbrötchen mit Sauerkraut, sauren Gurken, Senf, Käse und Pommes. Drei Portionen mit großer Cola für umgerechnet 7 Euro. Das bedeutet: Für zwei Tage Parken in Downtown können wir hier mit der ganzen Familie elfmal Essen gehen. Dafür müssen wir (neben desaströsen Blutfettwerten) damit leben dass durch unseren Hot Dog Stand an einer der unfallträchtigsten Kreuzungen Chicagos vor ein paar Jahren mal ein Auto gedonnert ist (Fotos und Zeitungsausschnitte im Innenraum belegen das). Auch gut: Wir haben die dampferfahrenden Deutschen Touris abgeschüttelt und sind inmitten der “Locals” – einem bunten Mix aus Polen, Mexikanern und Schwarzen die hier mit verbeulten Autos vorfahren und die Familie zum Essen ausführen. Auch das muss man erlebt haben.


Dass so eine Kontinentaldurchquerung auch von Routine lebt, beweisen wir im Staate Indiana gleich der hinter Hot Dog Stand und Stadtgrenze beginnt. Tanya macht wieder mal einen Geocache (Schatzsuche mit Navi) weil sie den Ehrgeiz hat in jedem Staat einen zu finden. Indiana: Abgehakt (wie zuvor schon Wyoming, South Dakota, Minnesota, Wisconsin, Iowa und Illinois). Er führt uns zum Strand am Lake Michigan, wo Anna mit Papa Fangen spielt und wieder mal ein paar Steine reinwirft und Muscheln rausholt. Dann setzen wir uns ins Auto, und Anna verlangt wie immer lautstark nach dem iPhone das inzwischen neben fünf Spielen und 20 Stunden Hörbüchern und Kinderliedern auch vier Folgen ihrer Lieblings-TV-Serie “Handy Manny” enthält. Papa rückt sein Telefon aber erst raus nachdem er – schöne neue Technik-Welt - über Facebook die Adresse und Telefonnummer unserer Freunde in Michigan in Erfahrung gebracht hat. Thomas programmiert diese daraufhin gewohnt routiniert ins Navi ein.

Dann holt er seinen Laptop raus und schreibt dieses Blog während Tanya alle drei Minuten den immer gleichen Spruch ausstößt:
Schon wieder ein McDonald’s
So ändert sich also die Landschaft. Vor einer Woche finden wir Schilder die über 300 km ohne McDonald’s verkünden, jetzt sehen wir alle drei Kilometer große Werbetafeln für die anscheinend zu den Rezessionsgewinnern zählende Billig-Burger-Braterei.

Ebenfalls mit Werbung erschlägt uns der Staat Michigan. Irgendwie ist dort jemand auf die Idee gekommen, dass man die Wirtschaftskrise und den Bevölkerungs-Exodus einfach wegplakatieren kann. Und so fordern einen allüberall Plakate zum Bleiben oder Kommen auf. Sogar in Downtown Chicago. Mehr Infos gebe es unter www.michigan.org.

Morgen werden wir erleben ob die Hochburg der gebeutelten US-Autoindustrie wirklich so schön und lebenswert ist wie die Plakate uns suggerieren.

Unsere Route heute:

Größere Karte ("Sat" für Satellit)


Logbuch gibt's morgen wieder. Unsere Gastgeber hier haben kein Internet weshalb das Blog die nächsten Tage vermutlich  nicht zur gewohnten Zeit aktualisiert wird.

3.10.09

Tag 16: Wolkenkratzer-Schluchten in Downtown Chicago



Die Tourismus-Broschüre im Hotelzimmer trifft den Nagel in Sachen Klima in Chicago auf den Kopf:
6 Monate im Jahr leiden wir unter frostigen Temperaturen und sehnen den Frühling herbei. Die anderen sechs Monate leiden wir unter unerträglicher Hitze und Luftfeuchtigkeit und sehnen das Ende des Sommers herbei.
So gesehen hatten wir heute Glück. Mittlere Temperaturen und Wolken erlauben es uns das Gewühl an Straßen, Tunnneln, Unterführungen und Wolkenkratzern das sich Downtown Chicago nennt bei Tageslicht zu erkunden. Unser Hotel ist super zentral gelegen, und so laufen wir nur 5 Minuten zum berühmten Navy Pier und die Wolkenkratzer-Schluchten entlang. Anna ist heute sehr müde (kein Wunder wenn man erst um Mitternacht ins Bett geht), weshalb größtere Unternehmungen nicht drin sind. Die Flußfahrt mit dem Ausflugsdampfer ist ausverkauft und für's Kindermuseum ist Anna zu müde. Dampferfahrt kommt morgen früh, Kindermuseen gibt's noch genug auf dem Weg.
Dafür treffen wir zum Mittagessen Tanyas guatemaltekische Schulfreundin Astrid samt Ehemann Jerry und Baby Ian. Sie haben sich etwas außerhalb von Chicago in Indiana angesiedelt. Das Ziel: Pizza Uno. Hier wurde die berühmte Chicago Pizza erfunden. Pizza wird hier in der Pfanne fast eine Stunde lang gebacken und hat einen extra-dicken Boden. Unsere Wahl - die Spezialität des Hauses - ist einen halben Finger dick mit Wurst belegt. Es folgt eine Lage Käse und dann Salami, Schinken, Pilze, Paprika. Aber wir vermögen es nach der Mahlzeit kaum zuzugeben: Richtige Fans sind wir nicht. Im Glaubenskrieg der Pizza-Anhänger (New York Style Pizza oder Chicago Style Pizza) sind wir geschlossen auf der New Yorker Seite.




Dann fängt es an zu regnen. Wir rennen zurück ins Hotel und verbringen den restlichen Tag mit diesem und jedem: Rückflug von New York aus buchen (nächsten Samstag), Verkaufsanzeige für den Wagen verfassen (obwohl wir immer noch debatieren ob wir eine Münze werfen sollen wer denn das Auto zurückfahren darf und wer mit Anna fliegt), Wäsche waschen, kostenlosen Cocktail beim Empfang im Hotel abstauben, Blog schreiben, eine Runde im Hotel-Pool planschen. Ein entspannter, am Nachmittag dann verregneter Samstag im Herzen Chicagos. Fühlt sich gut an.

Morgen soll das Wetter besser werden. Dann will Tanya endlich die Schiffahrt auf dem Fluß die man aus so vielen Filmen (z.B. Ferris macht blau, Trennung mit Hindernissen, Auf der Flucht) kennt machen. Danach geht's auf in den Rust Belt (Rostgürtel) Amerikas. Erst nach Michigan wo die Autoindustrie in Ruinen ist und unsere vormals kalifornischen Freunde Nicolle und Tim ein zuhause gefunden haben. Dann nach Ohio und Pennsylvania wo die Schwerindustrie bessere Tage gesehen hat.

2.10.09

Tag 15: Nicht fein aber gut - Von Iowa nach Chicago

Frei nach einer amerikanischen Redensart:
Du kannst den Deutschen aus Deutschland holen, aber niemals Deutschland aus dem Deutschen.
In diesem Sinne: Da kann der Mechaniker gestern das Vehikel noch so loben, aber eine brennende Warnlampe und eine fehlende Radkappe am Auto gehen gar nicht. Wo der Amerikaner laut Mechaniker Kyle schon mal Klebestreifen über das Warnlicht klebt damit er es nicht mehr sehen muss, stellt Thomas seinen Wecker extra-früh, sucht einen guten Mechaniker im Internet und macht sich auf den Weg. Diesmal sind’s nicht 15$ sondern 70 (knapp 50 Euro). Dafür gibt’s einen neuen Thermostat der Premium-Klasse (kostet $20 statt $10 für das einfache Modell) samt Einbau. Und bietet die Einsicht: Das hätte man auch selbst machen können. Zwei Schrauben lösen, Schlauch abziehen, Thermostat raus, neuen rein, draufschrauben, fertig. Thomas ist einmal mehr begeistert von der Einfachheit und Robustheit des Crown Victoria. Und auch dieser Mechaniker ist begeistert vom Zustand unseres Polizeiautos: “Der sieht so aus als ob er von einer alten Dame gefahren wurde und nicht von einem Polizisten.” Wir nehmen das jetzt mal als Kompliment.




Nächstes Ziel für unser Oma-Auto: Durch den strömenden Regen zum größten Truck-Stop der Welt. Der heißt “Iowa 80” und liegt – wie könnte es anders sein – an der Interstate Nummer 80 im Staate Iowa. Wir besuchen das Truck-Museum, bewundern den riesigen Shop in dem es wirklich alles gibt was das Trucker-Herz begehrt und schießen jede Menge lustige Fotos und Videos die sich in der heutigen Foto-Galerie auf Picasa finden. Außerdem gibt’s das zweite Buffet unserer Reise. Nach dem piekfeinen Bellagio-Hotel in Las Vegas diesmal ein 15 Meter langes Trucker-Buffet. Das Motto: “Nichts Feines. Einfach gutes Essen.” Hackbraten, Schweinekotlett, Kartoffelbrei, Erbsen, Suppen, Salate, Kuchen und Kekse soviel man will. Kostenpunkt: 11 Dollar (8 Euro). Wir erleben auch die billigste Tankfüllung unserer Reise: $2,29 pro Gallone entspricht ca. 45 Eurocent pro Liter Sprit. 


Die Interstate Nummer 80 hat für uns eine besondere Bedeutung weil unsere erste Wohnung in Kalifornien gerade mal 20 Meter davon hinter einer Mauer lag. Unweit davon entfernt: Der Wegweiser “Ocean City Maryland 3000 Meilen” in Sichtweite. Die gleiche Autobahn, einfach nur 3000 km östlicher, führt uns jetzt ostwärts aus Iowa nach Illinois. Es regnet in Strömen, es ist kalt daraußen und die Landschaft ist sehr grün mit vielen Mais- und Kornfeldern. Eigentlich alles wie in Deutschland. Und wo wir gerade an die Heimat denken, stoppen wir doch gleich mal bei Aldi.


Das gibt’s in Kalifornien nicht, in Deutschland sind wir da eigentlich auch nie hingegangen, aber wir sind schon neugierig wie das hier aussieht. Urteil: Völlig unauthentisch. Grund: Dem Deutschen machen im Gegensatz zum Amerikaner unaufgeräumte und schmutzige Läden nichts aus. Und so ist dieser Aldi großzügig geschnitten, super aufgeräumt und sehr sauber. Wir kaufen ein paar Süßigkeiten die aus Deutschland zu stammen scheinen. Billig ist es in der Tat.

Das kann man von Chicago nicht behaupten. Zwar gelingt es uns bei der Anfahrt noch die Mautsraßen die schon 80 km vorher anfangen zu umgehen, aber spätestens beim Hotel müssen wir uns geschlagen geben: 50 Dollar pro Tag für’s Parken, und es gibt kein Entkommen. Es ist der Preis für ein Hotel im Herzen der “Magnificent Mile” in Downtown. Und so übernachtet unser Auto fast genauso teuer wie wir ($50 fürs Auto, $69 für uns drei). Chicago bei Nacht ist beeindruckend. Anna – ganz das kalifornische Stadtmädchen – kriegt sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung ob der vielen Lichter und Hochhäuser. Unser Zimmer ist wahnsinnig schön. Eine Suite mit zwei Fernsehern und separatem Wohnzimmer.

Morgen erkunden wir Chicago und bekommen Besuch von Tanyas guatemaltekischer Schulfreundin Astrid die hier in der Nähe wohnt. Autofreier Tag. Man muss - auch so eine Deutsche Angewohnheit – die horrende Parkgebühr doch voll ausnutzen.
Logbuch:

Kilometer gesamt: 5011 km
Kilometer heute: 372 km
Fahrzeit gesamt: 62:20 Stunden
Fahrzeit heute: 5:09 Stunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 80,4 km/h

Die heutige Route:

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1.10.09

Tag 14: Werkstattbesuch bei Schmuddelwetter

Heute hat die erste Werkstattrechnung ein "riesiges" Loch in unser Reisebudget gerissen. Stolze $14.95 (11 EUR) berappen wir für Bordcomputer-Diagnose und die vorläufige Lösung unseres erleuchteten "Check Engine" Lichts: Fehlercode löschen und warten was passiert. Ansonsten ist unser Wagen in tiptop Zustand. Luftdruck, Öl, Bremsflüssigkeit, Servo-Öl und Kühlwasser seien in bester Ordnung, sagt Kyle. Kyle arbeitet als Mechaniker für Bob. Und Bob suchen wir auf weil Rezeptionistin Kayla von unserem Hotel ihn empfohlen hat und bei Ken - dem Tipp der Hotel-Köchin Ida - ein Schild "bin gleich wieder da" an der Werkstatt-Tür hängt. Jeder kennt jeden in Prairie du Chien, Wisconsin, direkt am Mississippi River.

Zurück im Hotel steht Ida - die gute Seele des Hotels - an der Pfanne im Frühstücksraum und backt für jeden der es will ein Omelette ganz nach dessen Geschmack. Und auf die Gefahr hind ass dies vom Reise- zum Koch-Blog mutiert erlauben wir uns ein fachmännisches Urteil mit Foto: Lecker! Anna freut sich über ein Malbuch und einen Spiegel die ihr Ida schenkt, isst ihr Omelette aber erst als alle Paprika herausgepult sind. Auch die Corn Flakes werden erst angerührt nachdem Papa auch die letzte Rosine gewissenhaft entfernt hat.

Köchin Ida, so stellt sich heraus, ist - wie der Name schon vermuten lässt - "Deutsche" und spricht ein wenig Plattdeutsch. Wir verstehen kein Wort, und jetzt wo wir sie dringend brauchen würden hat sich unsere vorübergehende norddeutsche Begleitung Nicole auf eine Fachtagung nach Puerto Rico abgesetzt. Das haben wir gerne! Idas Großeltern sind jedenfalls irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts mal aus Hamburg in diese Ecke ausgewandert. Man kann sich heute auch richtig vorstellen warum sich soviele Norddeutsche ausgerechnet hier in Minnesota, Wisconsin und Iowa niedergelassen haben. Schmuddelwetter. Deshalb auch heute nur wenige Fotos.

Wir setzen uns einfach ins Auto und fahren auf schnellstem Wege ins zweieinhalb Stunden entfernte Iowa City wo unsere Freunde Ulrike und Richard mit Tochter Astrid wohnen. Statt einer Tour durch die Stadt und die Umgebung bleiben wir lieber im Haus. Anna und die gleichaltrige Astrid sind unzertrennlich und ziehen die Kinderzimmertür hinter sich zu. Nur ab und an hören die Erwachsenen mal nach ob noch alles in Ordnung ist. Dann genehmigt sich Anna auf dem Sofa einen Mittagsschlaf der sich bis 20 Uhr ausdehnt. Dafür ist sie abends topfit. Erst gehts's mit Papa in den Hotel-Pool, dann darf sie ein wenig Fernsehen, und jetzt (23:30 Uhr) sitzt sie topfit auf dem Teppich und liest ein Buch. Es heißt "Lesen lernen mit der Maus. Einfache Buchstaben und Wörter für Vorschulkinder".

Morgen geht's weiter nach Chicago. Ob wir noch etwas in Iowa entdecken werden hängt vom Wetter ab. Aber Schwager Thomas aufgepasst: Der angeblich größte Truckstop der Welt liegt auf dem Weg. Wir werden versuchen dort Mittag zu essen und ausführlichst mit Fotos zu berichten. Überhaupt erscheint uns das Wenige was wir im Regen von Iowa gesehen haben als Paradies für die Diebacher und Allgäuer Verwandtschaft. Landwirtschaft soweit das Auge reicht, riesige Maschinen, gemütliche Dörfer, überall am Wegesrand Traktoren und Farms zu verkaufen. Nix wie hin!

Auf dem Weg geht das Warnlicht übrigens wieder an. Der freundliche Herr im Autoteile-Laden der als Service solche Bordcomputer kostenlos ausliest bestätigt dass es sich um den gleichen Fehler wie heute früh handelt. Er tippt auf einen kaputten Thermostat. Das Teil kostet schlappe 10 Dollar, die Reparatur dauert eine halbe Stunde. Vielleicht lassen wir das die nächsten Tage machen. Oder auch nicht. Unser kalifornischer Wagen ist halt einfach die Kälte hier nicht gewöhnt. Während wir bei 15 Grad im Regen bibbern sagt der Wetterbericht dass zuhause in Pasadena 25 Grad und Sonnenschein herrschen. Da hätten wir solche Fehler nicht. Aber wir haben es nicht anders gewollt: Chicago und Detroit, wir kommen!



Zitat des Tages:
Papa und Anna räumen die Koffer ins Auto während Mama an einer Telefonkonferenz für die Arbeit teilnimmt.
Anna (auf dem Hotelflur): "Fahren wir jetzt Auto?"
Papa: "Ja. Macht Dir das Spaß?"
Anna: "Ja!"
Papa: "Warum?"
Anna: "Da gibt es so viel zu entdecken."

(wobei sich Papa nicht ganz des Eindrucks erwehren kann die Kleine hat es nur auf sein iPhone abgesehen auf dem Kinderlieder, Hörbücher, Kidnersendungen als Video und Spiele auf Abruf bereit stehen)
Die heutige Route:


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Logbuch:
  • Kilometer gesamt: 4639 km
  • Kilometer heute: 235 km 
  • Fahrzeit gesamt: 57:17 Stunden
  • Fahrzeit heute: 3:11 Stunden 
  • Durchschnittsgeschwindigkeit: 81 km/h