5.10.09

Tag 17: Chicago - Zwei Tage parken oder elfmal essen?

Willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer Serie “Woran erkennt man dass …”
Frage heute: Woran erkennt man dass man sich langsam der Ostküste der USA nähert?
Antwort: Nach tagelangem Gondeln durch endlos große Staaten fährt man heute in einer Stunde durch drei Stück.
Von Chicago (Illinois) über Indiana nach Michigan. Dass es echt, wirklich, tatsächlich und total wie in Deutschland aussieht müssen wir schon gar nicht mehr erwähnen. Der Lake Michigan, an dem Chicago wunderschön liegt, ist ungefähr so wie der Bodensee nur viel größer. Die fünf “Great Lakes” in der Region hier speichern doch tatsächlich 20 Prozent der weltweiten Süßwasservorräte. Darunter machen es die Amis nicht.



Typisch Deutsch (und typisch für unsere Vorliebe für Rentner-Aktivitäten) buchen wir eine Dampferfahrt auf dem Chicago River und dem Lake Michigan. Wie typisch Teutonisch das ist merken wir dann als wir zum ersten Mal seit einer Woche wieder Touristen-Deutsch hören. In Minnesota, Wisconsin und Iowa haben zwar die Einheimischen irgendwie alle Wurzeln in Mitteleuropa, aber es findet sich kein Touri. Hier auf dem Dampfer in Chicago sitzen hinter uns gleich mal zwei Österreicher.

Die Boots-Tour auf dem Chicago River ist jedenfalls enorm empfehlenswert. 90 Minuten lang fahren wir zuerst auf den See hinaus und erhaschen atemberaubende Blicke auf die Skyline. Der weltberühmte und über 300 Meter hohe Sears Tower (lange Zeit das höchste Gebäude der Welt und kürzlich in Willis Tower umbenannt, was die Einheimischen aber hartnäckig ignorieren) ist nur eines von vielen spektakulären Gebäuden. Die Flußfahrt ist ungefähr so wie wenn man durch’s Berliner Regierungsviertel auf der Spree gondelt nur dass die Häuser alle zwanzig mal so hoch sind. Wenn zwanzig mal überhaupt reicht.

Anna war übrigens – wie schon vor einigen Tagen mal angemerkt – wirklich zu oft in Las Vegas. Staat “Sears Tower” schreit sie lauthals begeistert “Caesar’s Tower” weil sie ihn mit dem heißgeliebten Casesar’s Palace Hotel in Vegas verwechselt.

Zurück ins Hotel, auschecken. Die Pagen fahren den Wagen vor und laden unser Gepäck ein. Wir drücken dafür 100 Dollar ab. So gediegen geht das hier zu. Fast schon zu gediegen für unseren Geschmack, denn sobald wir wieder Kontrolle über unser Auto haben steuern wir auf schnellstem Wege die südöstlichen Bezirke von Chicago an. Hier – das wissen wir von Food-TV-Guru Anthony Bourdain – gibt’s das beste Essen. Hot Dogs und geräucherten Fisch. Polnische Wurst in gedünstetem Mohnbrötchen mit Sauerkraut, sauren Gurken, Senf, Käse und Pommes. Drei Portionen mit großer Cola für umgerechnet 7 Euro. Das bedeutet: Für zwei Tage Parken in Downtown können wir hier mit der ganzen Familie elfmal Essen gehen. Dafür müssen wir (neben desaströsen Blutfettwerten) damit leben dass durch unseren Hot Dog Stand an einer der unfallträchtigsten Kreuzungen Chicagos vor ein paar Jahren mal ein Auto gedonnert ist (Fotos und Zeitungsausschnitte im Innenraum belegen das). Auch gut: Wir haben die dampferfahrenden Deutschen Touris abgeschüttelt und sind inmitten der “Locals” – einem bunten Mix aus Polen, Mexikanern und Schwarzen die hier mit verbeulten Autos vorfahren und die Familie zum Essen ausführen. Auch das muss man erlebt haben.


Dass so eine Kontinentaldurchquerung auch von Routine lebt, beweisen wir im Staate Indiana gleich der hinter Hot Dog Stand und Stadtgrenze beginnt. Tanya macht wieder mal einen Geocache (Schatzsuche mit Navi) weil sie den Ehrgeiz hat in jedem Staat einen zu finden. Indiana: Abgehakt (wie zuvor schon Wyoming, South Dakota, Minnesota, Wisconsin, Iowa und Illinois). Er führt uns zum Strand am Lake Michigan, wo Anna mit Papa Fangen spielt und wieder mal ein paar Steine reinwirft und Muscheln rausholt. Dann setzen wir uns ins Auto, und Anna verlangt wie immer lautstark nach dem iPhone das inzwischen neben fünf Spielen und 20 Stunden Hörbüchern und Kinderliedern auch vier Folgen ihrer Lieblings-TV-Serie “Handy Manny” enthält. Papa rückt sein Telefon aber erst raus nachdem er – schöne neue Technik-Welt - über Facebook die Adresse und Telefonnummer unserer Freunde in Michigan in Erfahrung gebracht hat. Thomas programmiert diese daraufhin gewohnt routiniert ins Navi ein.

Dann holt er seinen Laptop raus und schreibt dieses Blog während Tanya alle drei Minuten den immer gleichen Spruch ausstößt:
Schon wieder ein McDonald’s
So ändert sich also die Landschaft. Vor einer Woche finden wir Schilder die über 300 km ohne McDonald’s verkünden, jetzt sehen wir alle drei Kilometer große Werbetafeln für die anscheinend zu den Rezessionsgewinnern zählende Billig-Burger-Braterei.

Ebenfalls mit Werbung erschlägt uns der Staat Michigan. Irgendwie ist dort jemand auf die Idee gekommen, dass man die Wirtschaftskrise und den Bevölkerungs-Exodus einfach wegplakatieren kann. Und so fordern einen allüberall Plakate zum Bleiben oder Kommen auf. Sogar in Downtown Chicago. Mehr Infos gebe es unter www.michigan.org.

Morgen werden wir erleben ob die Hochburg der gebeutelten US-Autoindustrie wirklich so schön und lebenswert ist wie die Plakate uns suggerieren.

Unsere Route heute:

Größere Karte ("Sat" für Satellit)


Logbuch gibt's morgen wieder. Unsere Gastgeber hier haben kein Internet weshalb das Blog die nächsten Tage vermutlich  nicht zur gewohnten Zeit aktualisiert wird.

1 Kommentar:

  1. I do believe Michigan is holding on to its top slot with highest unemployment rate, although California is not far behind. If the Westin is any indication, it would seem that some businesses are taking advantage of the downward spiral to grab cheap real estate & trying to bring back the downtown area.

    p.s. how do people live without Internet access at home in 2009? Perhaps this has something to do with above?

    p.p.s. if Craig's list doesn't yield a buyer of the car, perhaps it could provide you with a second driver. Someone must want to go to LA from NY.

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