23.9.09

Tag 5: Schneestürmle zum Herbstanfang

In Colorado, so stellen wir nach unserer ersten Übernachtung gleich hinter der Staatsgrenze fest, gehen die Uhren noch anders als in Kalifornien.  Traditionelle Rituale bei der Beschaffung und dem Austausch von Informationen sind hier weitaus verbreiteter als in Hollywood und Silicon Valley. Szene in der Lobby unseres Hotels.
Ältere Dame Mitte 70 erzählt ihrer Freundin: "Es ist der kälteste Herbstanfang seit 30 Jahren hier. Es hatte sogar Frost heute nacht.""
Da ist unsereins mit seinem Laptop (natürlich von Apple) an einem reich verzierten Mahagoni-Tisch drahtlos in die ganze Welt vernetzt, skypt mit Kollegen über die neuesten Verträge, tauscht sich via Facebook mit ehemaligen Schulkameraden über die Bundestagswahl im Allgemeinen und das Befinden der Eltern im Besonderen aus. Man checkt so ganz nebenbei online den Zustand aller Straßen auf der Route von heute und bucht ein Hotel für die nächsten zwei Nächte. Und das ohne auch nur einmal aufzustehen oder auch nur zum Telefonhörer zu greifen. Aber das von den 30 Jahren steht da nirgends.
Thomas ist neugierig und fragt freundlich: "Wo haben Sie das denn gehört?"
Ältere Dame antwortet: "Vom Wettermann."
Wer auch immer dieser "Wettermann" ist - er hat der Dame diese wertvolle Information gewiss nicht auf ihren Blackberry getwittert. Die Senioren am Fuße der großen Berge verlassen sich auf althergebrachte Methoden der Kommunikation: KJC8 - der lokale Fernsehsender. Thomas entscheidet sich sodann die Information unverifiziert in seinem Blog zu verbreiten und damit zum Faktum zu erheben. Womit obige Episode eine handfeste Fallstudie über den gegenwärtigen Umbruch und die damit verbundene Krise unserer Medienlandschaft abgibt. Aber das nur am Rande.

Grand Vista auf die große Kreuzung

Nach der Pancake-Packung vom Vortag entscheiden wir uns für ein Picknick auf dem Teppich unseres Hotelzimmers im 6. Stock. Man muss doch den wunderbaren Panorama-Blick des "Grand Vista Hotel" ausnutzen. Im Blickfeld zu unseren Füßen: Die Stadt die den treffenden Namen "Grand Junction" ("große Kreuzung") trägt. Das Stadtbild ist geprägt von den obligatorischen wie an einer Perlenschnur aneinandergereihten Hotels, Motels und Restaurantketten mit ihren glitzernden Leuchtreklamen. Anna war zu oft in Las Vegas. "Papa, da sind Casinos!", ruft sie aufgeregt während sie zufrieden auf dem Fußboden hockt und Weintrauben verspeist.

Die geplante Route über diverse Passstraßen in den Rocky Mountains fällt dem Wettergott zum Opfer. Angesichts von Straßenzustandsberichten wie "Eis, Schnee, Nässe" entscheiden wir uns für die direkte Route auf der großen Interstate Nummer 70. Langsam aber stetig erklimmen wir die Rocky Mountains und stellen alsbald fest dass auch diese Bezeichnung ("felsige Berge") äußerst zutreffend ist. Links und rechts tun sich imposante Schluchten auf während der Colorado River stromaufwärts immer schmaler und verwinkelter wird. Und als der Fluss verschwindet tauchen wir langsam in die Regenwolken ein. Ein paar Meilen weiter dann schon leichter Schneefall.  Nichts Wildes. Mit knapp 100 km/h erklimmen wir den Vail-Pass. Ein paar Fotos nahe des Gipfels. Man will ja dokumentieren dass man Schnee gesehen hat. Imposant: Der Eisenhower-Tunnel den wir durchqueren. Auf knapp 3500 Meter Höhe durchschneidet er die Rockies auf 2.7 Kilometern länge. Wahrlich ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Der Discovery Channel, wo wir das mal gesehen haben, muss es ja wissen. Anna bekommt von alledem nichts mit. Sie schläft. Mama auch. Sie hat sich wegen einer Erkältung mit Wick zugetröhnt.

Good News: Heizung und Scheibenwischer funktionieren

Bergab Richtung Denver nimmt der Schnee wieder ab. Wir treffen auf unsere alten Potsdamer Freunde Nicole und Miodrag die jetzt in Boulder - unserer nächsten Station - leben. Sie führen uns 20 km bergauf zu einem Bergsee der - wenn er nicht gerade wie heute in Nebel gehüllt ist - ein wundervolles Panorama bietet. Während einer kleinen Runde zu Fuß um den See setzt doch tatsächlich ein Schneestürmle ein und beschert uns innerhalb weniger Minuten eine einigermaßen geschlossene Schneedecke auf der Straße. Bedingungen die unser Wagen in seiner Funktion als Dienstfahrzeug in der Mordkommission von Orange County (bekannt aus Film und Fernsehen als "O.C.") bestimmt noch nicht gesehen hat. Jetzt wissen wir auch dass Heizung und Scheibenwischer gut funktionieren und die Reifen den Aufdruck "M+S" einigermaßen verdienen.



Annas geliebte Wanderungen mussten wetterbedingt heute leider ausfallen. Entsprechend schlecht gelaunt ist sie gegen abend. Aber dass man beim Dinner im äthiopischen Restaurant auf Kinder-kleinen Stühlen Platz nimmt (und tanzen kann), Papaya-Saft bekommt und mit den Händen im Essen rumgreifen soll ist ein großer Hit. Tag gerettet!



Trotzdem fällt Annas Fazit des heutigen Tages genauso nüchtern aus wie die Fotos im Fotoalbum:
Papa (nachdem er eine Gutenacht-Geschichte vorgelesen hat): "Was hat Dir denn heute gefallen?"

Anna: "Mir war immer langweilig." (langweilig ist für Anna Synonym für alles was keinen Spaß macht)

Papa: "Was war Dir denn langweilig."

Anna: "Der Schnee."

Papa: "Warum denn das?"

Anna: "Der hat in meinen Augen gekitzelt."
Ich muss schmunzeln: Halt doch ein echtes California Girl, die Kleine. Ein langer Tag im Auto bei miesem Wetter. Dafür steht morgen in Boulder volles Kinderprogramm auf der Tagesordnung.

Die schneereiche Route heute:


Größere Karte hier (Tipp: Auf "Sat" für Satellitenbild klicken)


Logbuch:
  • Kilometer heute: 483 km
  • Kilometer gesamt: 1994 km
  • Effektive Fahrzeit heute: 6:11 Stunden
  • Fahrzeit gesamt: 24:02 Stunden
  • Durchschnittsgeschwindigkeit gesamt: 83.5 km/h

1 Kommentar:

  1. LA welcomed fall with triple digits and wild fires (in Ventura & Riverside Counties).

    Highly recommend Snarfs in Boulder. It's literally a sandwich shack. I don't eat much steak, but did indulge in their steak sandwich, and was quite pleased.

    You might want to keep track of your gas mileage too. We logged 42 mpg coming back from the bay area.

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