13.10.09

Ford Crown Victoria: Letzter Überlebender einer vergangenen Ära oder überflüssiges Relikt?

Die Frage ist ebenso häufig wie legitim: Wie kommt man eigentlich darauf, ausgerechnet mit einer gekauften, acht Jahre alten, 200.000 Kilometer gelaufenen, spritfressenden Polizei-Karre die USA 12.000 Kilometer weit hin und zurück zu durchqueren? Hätte es nicht auch was Kleineres getan? Warum kaufen und nicht mieten? Hertz habe doch so schöne und niegelnagelneue "Fun Cars" und "Prestige Cars". Rundum-Sorglos-Paket inklusive.


Und genau darin liegt die Antwort: Rundum sorglos ist langweilig. Wenn uns einer die Frage stellt ob wir lieber in einem nagelneuen Cadillac oder im ehemaligen Vehikel eines kalifornischen Mordkommissars unsere Runden drehen wollen, dann entscheiden wir uns für Letzteres. Und wenn wir die Wahl zwischen einem echten blubbernden V8 mit Heckantrieb und einem dieser neu-amerikanischen, eingedeutschten Japaner-Kopien mit vier Zylindern und Frontantrieb haben, dann ist für uns glasklar: Es muss das Original sein. Aber da wir keine Schrauber sind und Verantwortung für ein dreijähriges Kind (und unser Bankkonto)  haben, fällt der 1969er Cadillac flach.

Und hier kommt der Ford Crown Victoria ins Spiel. Er ist der letzte der ausgestorbenen Gattung: der einzige "Straßenkreuzer" der noch gebaut wird und deshalb als gepflegter Gebrauchter gut zu bekommen ist. Alle anderen Hersteller haben die Limousinen in den 90ern auf Frontantrieb und weniger Zylinder umgestellt (und sich sowieso nur auf SUVs konzentriert). Nur die Polizei und das Taxigewerbe haben den Crown Victoria, der seit Anfang der 90er weitgehend unverändert gebaut wird, überleben lassen.

Und das ist Punkt Nummer zwei. In einer Laudatio auf den Gewinner zur Wahl "bester Gebrauchtwagen im Segment großer Limousinen" schreibt die Fachseite www.edmunds.com: 
"Haben Sie sich jemals gefragt warum Polizei-Direktionen und Taxi-Firmen auf diese 'veralteten' V8 Hecktriebler-Limousinen schwören? Weil sie im Prinzip unzerstörbar sind. Wirklich: Könnte ein Auto einen härteren Job haben als Taxi in  New York oder Polizeiauto in Los Angeles? Aber das ist nicht alles: Diese traditionellen amerikanischen Full-Size-Wagen sind bequem, bieten viel Stauraum und sind angesichts des niedrigen Wartungs-Aufwands und des respektablen Spritverbrauchs (Überland bis zu 9.5 Liter auf 100 km) billig im Unterhalt. Obendrein schneiden sie regelmäßig überdurchschnitlich in Crash-Tests ab."

(Quelle: Edmunds)

Bei Consumer Reports  (einer amerikanischen Mischung aus ADAC und Stiftung Warentest) taucht der Crown Victoria seit Jahren als "überdurchschnittlich zuverlässig" in der Zuverlässigkeitsstatistik auf und lässt damit fast jeden VW, Mercedes, Audi und BMW locker hinter sich. Kein Wunder dass auch die extrem vernunftgetriebene (sprich: langweilige) Consumer Reports Redaktion den Crown Victoria in sämtlichen Preissegmenten als einen der besten Gebrauchtwagen auflistet.

Und der Preis ist dann auch das stichhaltigste Argument: Nirgends gibt es mehr Blech, mehr Hubraum und mehr Zylinder für so wenig Geld. Schon neu kostet der Crown Vic bzw. sein Bruder Mercury Grand Marquis weit unter 20000 Euro. Weil er halt doch für eine vergangene Ära steht, zuviel Sprit für den täglichen Weg zur Arbeit verbraucht,  altmodisch aussieht und die modernen Features wie ESP nicht hat ist der Wertvelust - zum Glück für uns - horrend. Unserer ist acht Jahre alt und hat 200.000 Kilometer runter. Kostenpunkt: Umgerechnet 2500 Euro. Dafür gibt's ein nicht zu altes, regelmäßig gewartetes, gepflegtes, zuverlässiges, riesiges Auto das als letztes seiner Art den Geist der früheren amerikanischen Straßenkreuzer verkörpert und obendrein noch das Elternherz dank hervorragender Crash-Test-Resultate beruhigt.

Polizisten und Taxler mögen den Crown Vic weil er wie ein Laster auf einen Rahmen genietet ist, eine starre Hinterachse hat und deshalb auch kleine oder größere Rempler gut wegsteckt und billig repariert werden kann (was sich auch sehr positiv in der Versicherungsprämie niederschlägt).

Wie der Amerikaner zu sagen pflegt: "What's not to like?"

Auf dem Privat-Markt spielt der Crown Victoria keine Rolle mehr und wurde zuletzt sogar eingestellt. Einzige Quelle sind also Regierung, Polizei und Taxi. Und da ist Vorsicht geboten, sagt Burt, ein Händler der sich auf Crown Vics spezialisiert hat und diese auch an Hollywood-Produktionen wie CSI und Heroes verleiht:
"Man muss unterscheiden zwischen Streifenfahrzeugen und Autos die einem Kommissar zugewiesen wurden. Die Streifenwagen werden geprügelt und von ständig wechselnden Besatzungen gefahren. Sie eignen sich am besten als Taxis denn da kommt es eher auf den Preis und nicht auf den Pflegeszustand an. Für eine Privatperson ist das Detective Car die bessere Wahl. Die kosten  zwar mehr, sind aber netter ausgestattet und werden in der Regel einem Kommissar zugewiesen der dann dafür verantwortlich ist. Vorgeschriebene Wartung alle vier Wochen inklusive."
"Die Modelljahre 1998 bis 2002 sind besonders zuverlässig und kaum kaputt zu kriegen. 2003 wurde der Crown Victoria nochmal modernisiert und mit einer überarbeiteten Lenkung versehen. Meine Stuntmänner mögen das nicht so sehr. Da geht mehr kaputt wenn man mal den Randstein trifft."
 Und unser Mechnaiker John in Pasadena der den Wagen  vor der Reise inspiziert hat sagt:
"Das Auto wird Euch keine Probleme bereiten. Wenn Euer BMW irgendwo im tiefsten Mittleren Westen was hat findet Ihr im Zweifel niemanden der sich mit der komplizierten Elektronik auskennt. Diesen Ford kann jeder Tankwart reparieren. Und wenn was kaputt geht sind die Teile spottbillig und sofort besorgt."
Das können wir bestätigen. Ein auf dem Weg fälliger Thermostat war für 15 Euro innerhalb von 10 Minuten besorgt und in 30 Minuten eingebaut und getestet. Kostenpunkt inlusive Material und Lohn: Umgerechnet 50 Euro.


Und trotzdem stimmt natürlich was all die Kritiker sagen die den Crown Victoria schon seit zehn Jahren aufs Abstellgleis schreiben. Als wir uns nach drei Wochen im Polizeiauto wieder in unseren nur wenig neueren Kombi aus Deutscher Produktion setzen ist der Unterschied wie Tag und Nacht. Feines Leder statt grauer Stoffsitze, Holzvertäfelung statt Plastik-Wüste, ein ausgereiftes und kein grobschlächtiges Fahrwerk mehr, eine alles schluckende Schallisolierung und eine präzise Lenkung.  Aber: Ein Thermostat kostet laut Internet fast 70 Euro, und der Austausch dauert angeblich über zwei Stunden.Sprich: Was beim Crown Victoria 50 Euro gekostet hat, hätte uns beim deustchen Kombi über 200 Euro ärmer gemacht.

So hat halt jeder Wagen seine Stärken. Unser Crown Victoria hat seine auf 12000 Kilometern bewiesen. Jetzt suchen wir einen Käufer - allerdings eher halbherzig, denn ans Herz gewachsen ist er uns schon.

Link:

12.10.09

Mama fährt im Ford fort: In vier Tagen von New York zurück nach LA

Es ist vollbracht: Nach 11639 km ist unsere Reise endgültig zu Ende. Anna hat schon wieder den ersten aufregenden Tag im Kindergarten hinter sich als eine erschöpfte und vor Eindrücken sprudelnde Tanya sich im Wohnzimmer aus Sofa legt. Ein um etlichen Schmutz reicherer und zwei Radkappen ärmerer Ford steht genau da wo unsere Reise vor nunmehr 25 Tagen begann: Vor unserer Haustür in Pasadena, California. Annas Trinkbecher und Köpfhörer liegen noch auf dem Rücksitz, so wie wir sie vor vier Tagen hinterlassen hatten.

Seitdem saß Tanya knapp 45 Stunden alleine am Steuer und hat dabei auf über 4600 Kilometern 13 US-Bundesstaaten (New Jersey, Pennsylvania, Ohio, Indiana, Illionois, Missouri, Kansas, Arkansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien) durchquert. Immerhin: Sie hat die Zeit gefunden in jedem dieser Staaten mindestens einen Geocache (mit dem Navi aufzuspürender "Schatz") zu finden. Die Eindrücke sprudeln nur so:

"Es ist unglaublich wie groß dieses Land ist."
Das südliche Pennsylvania ist wunderschön, den Bogen von St. Louis hat sie in Missouri fotografiert, und in Kansas führte eine Straße doch tatsächlich durch ein Flußbett (und sie hat es mit unserem Crown Victoria durchquert). Außerdem liegt hier an der Route 66 die Inspiration für den Film "Cars" - samt dem Abschlepp-Truck aus dem Film. Da müssen Papa und Anna auch mal hin!



Oklahoma sei runtergekommen, hässlich, deprimierend, am Sonntag habe alles geschlossen und im Radio läuft 90% Kirchenfunk.

Thomas: "Würde es sich also lohnen das Gleiche was wir dieses Mal im Norden gemacht haben mal auf der Südroute durchzuführen?"

Tanya: "Ja, aber so schnell wie möglich durch Oklahoma fahren."

So unrealistisch ist das nicht. Freunde von uns ziehen demnächst aus dem Schwabenland nach Jacksonville, Florida. Die freuen sich bestimmt über einen Besuch.

Das letzte Logbuch:
  • Kilometer gesamt: 11639 km (damit wären wir - wenn es Straßen gäbe - locker bis nach Deutschland gekommen)
  • Kilometer nach NY (3 Wochen): 7015 km
  • Kilometer zurück nach LA (4 Tage): 4624 km
  • Durchschnittsgeschwindigkeit gesamt (3 Wochen hin, 4 Tage zurück): 90.6 km/h
  • Durschnittsverbrauch gesamt: 10.76 l/100 km
  • Spritverbrauch gesamt: 1255 Liter
  • Spritkosten: 600 EUR
Tanyas Route in den letzten 4 Tagen:

Größere Karte

Komplette Route:


Wir haben bei Google Maps auch mal die komplette Streckenführung (ungefähr zumindest) eingegeben. Das muss man sich aber in voller Größe direkt bei Google Maps reinziehen weil die Breite dieser Spalte nicht ausreicht.
 

10.10.09

Tag 23: Bye-bye, New York! Drei Wochen hin, sechs Stunden zurück

Drei Wochen lang haben wir das erdige, bodenständige Amerika erlebt. 7000 Kilometer Kontinentaldurchquerung in einem spritschluckenden, blubbernden Schiff von Auto aus einer vergangenen Ära, hergestellt von einem fast bankrotten Konzern. Gestartet in der Traumfabrik namens Hollywood, drei Wochen später gelandet in der finanziellen Alptraumfabrik namens Wall Street. Wir haben Büffel auf der Straße gesehen, unendlich viel Pizza und Pancakes gegessen und ein Amerika entdeckt das außerhalb der ausgelatschten Touristenpfade existiert. Bodenständig, erdig, einfach, sympathisch.
Jetzt sind wir wieder zurück in der Schicki-Micki Welt. Papa schreibt diese Zeilen auf seinem schicken Macintosh Notebook und kann sie dank Drahtlos-Internet im Flugzeug (das weniger kostet als das Internet im Hotel) aus zehn Kilometern Höhe samt Fotos abschicken. Anna sitzt daneben und steht ihrem Vater in Sachen Schicki-Micki in nichts nach: Sie schaut eine Folge "Handy Manny" auf dem iPhone. Fotos davon darf man keine machen.
Papa: "Anna, darf ich ich Foto von Dir machen?"
Anna: "Nein, Du hast schon so viele Fotos gemacht!"
Na gut.

Unser Schicki-Micki-Tag begann heute früh standesgemäß im Hilton-Hotel mit Frühstück auf dem Zimmer. Obstsalat, ein Bagel und ein Croissant. Einziger Schönheitsfehler: Weil das Hilton in New York 300$ pro Nacht verlangt haben wir das Hilton in Newark (25 km außerhalb) für 59$ gebucht und müssen mit dem Bus mühsam über eine Stunde in die Stadt gondeln. Wir steigen an der Grand Central Station aus und laufen ein paar Blocks. Anna verfolgt fasziniert eine mehrere hundert Meter lange Demo von Exil-Tibetern die Fotos vom Dalai Lama über die Park Avenue tragen. Sowas gibt's in Iowa nicht. Dann nehmen wir ein Taxi über die Brooklyn Bridge nach - wohin wohl - Brooklyn.

Dort wohnt Maceo, ein ehemaliger Kollege von Thomas, und der beste New York Führer den wir jemals hatten. Kaum ist Thomas nach drei Tagen New York zum Schluss gelangt dass er in diesem überfüllten, unfreundlichen Moloch niemals leben könnte zeigt uns Maceo die schönen Parks, Uferpromenaden  und Spielplätze von Brooklyn Heights. Wir blicken auf die Skyline von Manhattan, Maceo zeigt uns wo früher das World Trade Center stand. Wir sehen den Fähren auf dem Hudson River zu (ja, das ist da wo vor einigen Monaten Kapitän Sullenberger seine heldenhafte Landung hingelegt hat). Leben könnte man hier trotzdem nicht. Eine Dreizimmerwohnung kostet hier schonmal eine Million.

Aber kaum hat sich Anna mit Maceos Tochter Elena angefreundet gibt's noch mehr Schicki-Micki: Unsere Limousine zum Flughafen wartet. Stilecht in schwarz mit schwarzem Leder. Typ Lincoln Towncar. Und - gut zu wissen für New York Touristen - billiger als ein Taxi und vorbestellbar mit Kindersitz. Damit fahren wir zum Flughafen. Mit American Airlines geht es nach Hause. Wofür wir auf dem Hinweg fast 86 Stunden Fahrzeit in drei Wochen gebraucht haben, schaffen wir heute in sechs Stunden. Nach ungefähr drei überqueren wir Oklahoma. Da unten fährt gerade irgendwo Tanya mit unserem Auto. Sie ist schon zwei volle Tage unterwegs und wird nochmal eineinhalb Tage fahren. So sind die Dimensionen hier. Vorhin hat sie noch eine SMS mit Grüßen aus Bentonville, Arkansas, geschickt - der Heimat der weltgrößten Supermarktkette WalMart. Wir winken in Gedanken nach unten und freuen uns auf ein Wiedersehen am Montag.

Die nächsten zwei Tage melden wir uns nochmal mit Nachrichten wie es Tanya ergangen ist. Dann wird dieses Tagebuch (das laut Statistik in den vergangenen drei Wochen über tausendmal von Besuchern aus 14 Ländern für durchschnittlich drei Minuten aufgerufen wurde!) zugeklappt.

Danke an alle die unser Abenteuer so gebannt verfolgt und uns immer wieder E-Mails geschickt haben. Wenn wir wieder zuhause sind werden wir auch die Zeit finden sie alle zu beantworten.

Links:
Tanyas Strecke der letzten zwei Tage:


Größere Karte (man kann übrigens auch verschieben und zoomen)

Unsere (ungefähre) Route der gesamten drei Wochen:



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